Lese-Ansicht

Xcode 26.3 kann endlich KI

Rund um die Integration von KI-Tools in Xcode hat sich Apple bisher nicht mit Ruhm bekleckert (siehe auch meinen Blog-Artikel zu Xcode 26.1 und 26.2). Aber mit Version 26.3 ist Xcode endlich doch im KI-Zeitalter angekommen. Der Schlüssel zum Erfolg: die Einhaltung offener Standards.

KI funktioniert in Xcode 26.3, weil Apple mit mcpbridge einen MCP-Server mit ca. 20 Tools für Xcode implementiert hat. Damit können Sprachmodelle direkt mit Xcode kommunizieren, Code ändern, auf aktuelle Apple-spezifische Dokumentation zugreifen, Apps ausprobieren und Fehler beheben.

KI-unterstützte App-Entwicklung in Xcode

Konfiguration

Der Konfigurationsdialog Intelligence sieht simpel aus, stiftet in Wirklichkeit aber Verwirrung. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es gäbe zwei vordefinierte KI-Provider: OpenAI mit ChatGPT und Codex auf der einen Seite, Anthropic mit Claude auf der anderen Seite. Es sind aber VIER!

  • ChatGPT: simple KI-Unterstützung, in begrenztem Ausmaß kostenlos
  • OpenAI Codex: Agentic Coding mit Codex
  • Claude: simple KI-Unterstützung
  • Claude Agent: Agentic Coding mit Claude (vergleichbar mit der CLI Claude Code)

Ich gehe im Folgenden davon aus, dass Sie ein ChatGPT- oder Claude-Abo haben und dieses für Xcode nutzen möchten. Dazu installieren Sie zuerst das entsprechende Zusatzprogramm OpenAI Codex bzw. Claude Agent (Button Get). Ärgerlicherweise scheint die KI-Integration auch ohne diese Zusatzinstallation zu funktionieren — aber dann landen Sie bei den eingeschränkten Varianten ChatGPT oder Claude, die nur mittelmäßig funktionieren, keine Skill-Unterstützung aufweisen usw.

Für Agentic Coding müssen die Zusatzkomponenten »Codex« bzw. »Claude Agent« installiert werden!

Im nächsten Schritt müssen Sie die Verbindung zum jeweiligen KI-Konto herstellen. Die Authentifizierung erfolgt in einem Webbrowser-Fenster. Die konfigurierten KI-Tools bekommen automatisch Zugang zu den MCP-Diensten von Xcode.

KI-Konfiguration in Xcode

Es besteht auch die Möglichkeit, andere externe sowie lokale KI-Provider zu nutzen. Am interessantesten wäre sicherlich Google Gemini, aber ich habe aus Zeitgründen von Tests abgesehen. (Freie, lokale Modelle sind nach meinen Erfahrungen mit anderen IDEs eher ungeeignet. Sie sind für Agentic Coding nicht leistungsfähig genug. Außerdem basieren sie meist auf relativ altem Trainingsmaterial, was bei Swift/SwiftUI besonders ungünstig ist.)

Die Option Allow external agents to use Xcode tools ist nur dann relevant, wenn Sie ein externes (nicht in Xcode eingebettetes) KI-Tool verwenden, z.B. Claude Code oder Codex. Diese externen Tools können dann den in Xcode integrierten MCP-Server nutzen und z.B. Apps ausführen, davon Screenshots erstellen und auf diese Weise UI-Fehler erkennen/beheben.

In der KI-Seitenleiste wählen Sie den gewünschten, zuvor konfigurierten KI-Dienst aus. Alle Agentic Coding Funktionen gibt es aber nur mit Codex oder Claude Agent!

Auswahl zwischen den vorweg konfigurierten Diensten in der KI-Seitenleiste. Agentic Coding setzt »Codex« oder »Claude Agent« voraus!

Erster Versuch (ChatGPT)

Als ersten Versuch habe ich mit dem Modell ChatGPT (ohne OpenAI-Konto) eine minimale Variante des Break-Out-Spiels als iOS-App entwickelt (siehe die erste Abbildung dieses Artikels).

Prompt: create a simple break out game as an iOS app

Zwei Minuten später war die App fertig. 170 Zeilen Code, alle in ContentView.swift. Xcode zeigte allerdings einen Build-Error an und wies auch gleich auf die Ursache hin: Es fehlte import Combine, worum ich mich selbst kümmerte. Danach war die App prinzipiell verwendbar.

Einerseits ist das Ergebnis beeindruckend, andererseits ist die Code-Qualität aber nicht großartig: Xcode bemängelte zwei onChange-Aufrufe, deren Syntax veraltet ist. Aber auch davon losgelöst ist der Code nicht effizient. Die Spielelemente sind alle in SwiftUI abgebildet (kein SpriteKit). Das ist die einfachste Lösung, aber die Implementierung ist langsam. Das Spiel wird stotternd langsam, sobald das Paddel mit der Maus verschoben wird.

Ich habe mit ein paar Folge-Prompts versucht, das Spiel zu verbessern:

Prompt: the onChange() modifiers are deprecated; please fix

Prompt: ok. it works, but it is extremely slow if I move the paddle. (As long as there is no user input, speed is OK)

Das KI-Tool ersetzte zuerst onChange durch task (OK) und baute dann @GestureState ein, um die Geschwindigkeit zu verbessern (ohne Erfolg).

Zweiter Versuch (Claude Agent)

Für den zweiten Versuch habe ich zuerst den Claude Agent heruntergeladen und mit meinem Claude-Konto verknüpft. Gleicher Prompt, also:

Prompt: create a simple break out game as an iOS app

Der erste Unterschied zum vorigen Beispiel besteht darin, dass der Claude Agent über das Problem zuerst nachdenkt und eine To-do-Liste erstellt. Diese arbeitete er dann Punkt für Punkt ab.

Der Code fällt mit ca. 350 Zeilen deutlich umfangreicher aus. Er ist in den beiden neuen Dateien BreakOutGame.swift und BreakOutGameView.swift deutlich besser organisiert. Der Code trennt zwischen Datenmodell und View. (Auf eine vollständige Realisierung des MVVM-Musters hat der Claude Agent aber verzichtet.) Der Code funktioniert auf Anhieb und ist frei von offensichtlich veralteten Funktionen. Auch die Performance ist deutlich besser.

Noch ein Break-Out-Spiel, diesmal generiert vom Claude Agent

Xcode kritisiert allerdings zwei Main-actor-Isolation-Probleme (Warnungen, keine Errors).

Prompt: there are two main actor isolation warnings; fix them

Claude gelingt es auf Anhieb, die Probleme zu beheben (Respekt!).

Eine weitere Analyse des Codes ergibt: Der Code ist OK, aber nicht ausgezeichnet. Der SwiftUI-Pro-Skill (mehr dazu in einem zweiten Blog-Artikel) kritisiert z.B. die Verwendung eines Timers für den GameLoop und schlägt stattdessen TimeLineView(.animation) vor.

Beispiel 3: Vorhandenen Code bearbeiten/erweitern (Claude Agent)

Im dritten Beispiel habe ich das einigermaßen komplexe Cart-Projekt aus meinem Swift-Buch geladen (siehe Kapitel 25). In ca. 2000 Zeilen Code, die über ein Dutzend Dateien verteilt sind, realisiert die App die Verwaltung einer Einkaufsliste, die mittels eines Backends (REST-API) über mehrere Familienmitglieder synchronisiert wird.

Mein erster Prompt sah so aus:

Prompt: /init

Dieses Claude-Code-typische Kommando analysiert die Code-Basis und erstellt die Datei CLAUDE.md mit einer Zusammenfassung über die Organisation des Codes. Damit tut sich der Claude Agent bei weiteren Aufrufen leichter, sich im Code zu orientieren, und muss diesen Schritt nicht wiederholen. Die Datei landet direkt im Projektverzeichnis und ist deswegen im Projektnavigator (der eine Ebene tiefer ansetzt) unsichtbar.

Der Claude Agent lädt diese Datei bei zukünftigen Sessions automatisch. In der Regel ist es zweckmäßig, die Datei durchzulesen und bei Bedarf eigene Erweiterungen durchzuführen. Ich habe bei diesem Test aber darauf verzichtet.

Als Nächstes habe ich in den Projekteinstellungen Default Actor Isolation = MainActor eingestellt (siehe auch den Blog-Artikel Swift 6.2 und Xcode 26.1).

Prompt: This app now uses Default Actor Isolation = MainActor. Remove no longer necessary main actor attributes.

Es gibt nur eine Stelle im Code. Claude Agent findet sie und entfernt das nun überflüssige Attribut.

In der Praxis haben sich die Synchronisationseinstellungen der App als zu groß herausgestellt. Die App speichert Änderungen alle 40 Sekunden. Wenn lokal nichts geändert wird, werden Remote-Änderungen sogar nur alle 10 Minuten durchgeführt. Der folgende Prompt führt direkt zum Ziel, obwohl ich Claude keinerlei Informationen gebe, wo sich die relevanten Einstellungen befinden.

Prompt: change the sync settings; I want to write changes after 20 seconds, read remote changes every 30 seconds

Die UI der App ist in einer TabView über drei Tabs verteilt. Ich möchte, dass die App auch bei jedem Tab-Wechsel eine Synchronisation durchführt. Wiederum findet der Claude Agent sofort die richtige Stelle im Code und baut dort einen asynchronen Aufruf der Sync-Methode ein.

Prompt: I also want to sync on every tab change.

Claude Agent führt mühelos Änderungen in dem einigermaßen komplexen Projekt durch

Prompt: I want the app to also sync when it is disabled (switch to another app). There is already code for this, but it does not work reliable.

Claude Agent verbessert den Code entsprechend.

Prompt: update the version to 1.0.2

Prompt: ok. can you also update it in the target settings?

Hier kommt Claude an seine Grenzen. Er findet zwar eine Zeichenkette im Code, die er von 1.0.1 auf 1.0.2 ändert. Aber die Xcode-Einstellungen Target / Identity / Bundle Identifier kann es nicht ändern und bittet darum, diesen Schritt selbst zu erledigen.

Meine relativ einfachen Prompts verschleiern, wie weit Agentic Coding geht. Paul Hudson geht in seinem YouTube-Video aufs Ganze und beginnt mit einem Prompt, um eine Schach-Spiel-App zu programmieren. Eine viertel Stunde später ist die App soweit fertig, dass ein erstes Spiel möglich ist. Derartige Mammut-Prompts sind aber selten zweckmäßig. Gehen Sie Schritt für Schritt vor (wobei ein Schritt durchaus die Implementierung eines neuen Features sein kann), testen Sie die App, führen Sie einen Commit durch!

Xcode vs. Claude Code

Apple hat sich mit der Integration von KI-Tools in Xcode viel Zeit gelassen. Außerhalb des Apple-Universums hat sich mehr bewegt. Der aus meiner Sicht gerade spannendste Weg zur Programmierung von Swift-Apps ist heute das Command Line Interface (CLI) Claude Code.

Die Vorgehensweise sieht so aus: Sie erzeugen/laden mit Xcode Ihr Projekt. Gleichzeitig öffnen Sie ein Terminal, wechseln in das Projektverzeichnis und starten dort Claude Code. Durch Prompts weisen Sie Claude Code an, welche Funktionen es entwickeln soll. Xcode bleibt offen, Sie verwenden die IDE aber nicht (oder nur in Ausnahmefällen) zum Programmieren, sondern dazu, den von Claude Code produzierten Code zu lesen und die resultierende App zu testen bzw. auszuprobieren.

Diese Vorgehensweise ist ungewohnt, aber effizient. Manche Entwickler sind der Ansicht, der größte Vorteil moderner KI-Tools bestünde darin, dass Xcode nicht oder zumindest nur noch am Rande benötigt wird.

Im Vergleich zu den integrierten KI-Tools in Xcode bietet Claude Code diverse Zusatzfunktionen. Enorm hilfreich ist die Möglichkeit, Skills und MCP-Server zu nutzen. Das für mich wichtigste Feature ist aber der Planungsmodus (Ein-/Ausschalten mit Shift+Tab): Er gibt Ihnen die Möglichkeit, ein neues Feature in Ruhe zu planen, ohne den Code dabei anzurühren. Erst wenn Sie mit dem von Claude Code präsentiertem Plan vollständig zufrieden sind, beginnen Sie mit der Realisierung.

Erfreulicherweise unterstützt Xcode ab Version 26.3 auch externe KI-Tools und stellt diesen via MCP dieselben Funktionen wie internen KI-Tools zur Verfügung. Dazu müssen Sie in den Xcode-Einstellungen Intelligence / Allow external agents to use Xcode tools aktivieren. Die Kommandos, um den Xcode-Server in Claude Code bzw. in Codex einmalig einzurichten, sehen so aus (Dokumentation von Apple):

claude mcp add --transport stdio xcode -- xcrun mcpbridge
codex mcp add xcode -- xcrun mcpbridge

Damit der Aufruf von mcpbridge funktioniert, muss in den Xcode-Einstellungen unter Locations die richtige Xcode-Version eingestellt sein. Bei mir war der Eintrag ursprünglich leer (keine Ahnung warum), der MCP-Aufruf scheiterte deswegen.

Achten Sie auf die richtige Einstellung der Option »Command Line Tools«!

Wenn Claude Code oder ein anderes externes KI-Tool MCP-Funktionen nutzen will, müssen Sie das vorher bewilligen.

Bestätigung des MCP-Verbindungsaufbaus

Sind alle Voraussetzungen erfüllt, schreiben Sie die Prompts in Claude Code und verwenden Xcode nur noch, um den Code anzusehen bzw. Ihre App zu testen.

Claude Code im Terminal unten hat eine Todo-App programmiert. Claude Code nutzt MCP, um Xcode-Funktionen aufzurufen.

Sonstiges

  • Auch Xcode 26.3 verwendet Swift 5 per Default. Wenn Sie Swift 6 wünschen, müssen Sie die Build Settings ändern.
  • Der in Xcode 26 eliminierte Attribute Inspector ist nicht zurückgekommen. Das gilt auch für diverse andere UI-Elemente (z.B. die Refactor-Kommandos Extract Subview oder Embed in Xxx), die es früher in Xcode gab und die mit Version 26 verschwunden sind.
  • Die aktuelle Swift-Version lautet — unverändert seit September 2025 — 6.2. (Genau genommen sind wir bei 6.2.4, aber es gibt seit einem halben Jahr keine nennenswerten Neuerungen.)

Quellen/Links

Videos zum Thema »Agentic Coding mit Xcode 26.3«

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LLMs lügen schlecht

Forscher von OpenAI haben untersucht, inwiefern heutige Reasoning-Modelle bereits in der Lage sind, ihre Gedankengänge zu verschleiern, wenn sie wissen, dass sie überwacht werden.

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Warum jetzt jeder programmieren kann, und warum das trotzdem Blödsinn ist

Heute kann angeblich jeder programmieren. Sagen zumindest Forscher und CEOs aus der KI-Industrie. »Vibe Coding« ist das Wort des Jahres 2025. Sinngemäß meint das müheloses Programmieren dank KI-Unterstützung. Und tatsächlich ist jede der folgenden Aussagen grundsätzlich richtig, auf jeden Fall nicht ganz falsch:

  • 2023, Andrej Karpathy (KI-Forscher, u.a. bei Tesla und OpenAI): The hottest new programming language is English.
  • 2024, Jensen Huang (NVIDIA): It is our job to create computing technology such that nobody has to program. (…) Everybody in the world is now a programmer.

  • 2025, Mark Zuckerberg (Meta): Probably in 2025, we (…) are going to have an AI that can effectively be a sort of mid-level engineer that you have at your company that can write code.

  • 2026, Boris Cherny (Claude-Code-Erfinder): Coding is largely solved

Aber wie in jedem guten Krimi ist nichts so einfach, wie es scheint.

Traum …

Coding is largely solved ist ein wenig optimistisch. Tatsächlich können Coding-Tools, also IDEs wie Antigravity, Cursor oder VS Code sowie CLI-Tools wie Claude Code oder Codex in Kombination mit einem guten, kommerziellen Sprachmodell von z.B. Anthropic, Google oder OpenAI richtig gut programmieren. Der folgende Prompt führt bei den meisten Systemen innerhalb von Sekunden zum Ziel:

Prompt: Please provide a minimal implementation of ‚brick out‘ for the web browser. Use node. Keep the features to a minimum and the code concise.

Für Nicht-Programmierer besteht die größte Hürde darin, Node.js zu installieren, das Programm auszuführen und das Browserfenster richtig zu öffnen (also z.B. http://localhost:3000).

Agentic Tools funktionieren aber auch dann großartig, wenn es darum geht, sich in eine komplexe, existierende Code-Basis einzuarbeiten.

Prompt: Get me an overview about this project.

In der Folge ist es empfehlenswert, im Projektverzeichnis in AGENTS.md oder CLAUDE.md eine Zusammenfassung der wichtigsten Projektdaten zu speichern. Claude Code erstellt sich diese Datei mit /init gleich selbst, etwas Nacharbeit ist aber zweckmäßig. Der Sinn dieser Datei: Das KI-Tool beginnt nicht jede Session bei Null. Vielmehr weiß es, welche Regeln für Ihr Projekt gelten: Build-Tools, Unit-Tests, Datenbank- und Netzwerkzugriff, Bibliotheken, Schreibweisen usw.

Unter diesen Voraussetzungen können Sie dem KI-Tool Ihrer Wahl jetzt Aufträge geben, welche neuen Features es programmieren soll. Wird der Code anschließend funktionieren? Die Chancen stehen mittlerweile nicht schlecht. Eventuell müssen Sie bei Problemen mit ein paar weiteren Prompts nachhelfen. Idealerweise geben Sie dem Agentic-Coding-Tool die Erlaubnis, den Code selbst zu testen. Dann kann das Tool auftretenden Fehler oft selbst lösen.

… und Wirklichkeit

Jedes Projekt ist anders. KI-Tools brillieren, wenn populäre Programmiersprachen für alltägliche Probleme zur Anwendung kommen: also beim Python-Script zur Auswertung von CSV-Dateien, bei der Node.js-Anwendung für eine Web-UI oder beim Datenbank-Backend samt REST-API.

Bei richtig großen Projekten mit Hunderten, ja Tausenden von Dateien, bei ganz neuen Compiler-Versionen oder Bibliotheken, bei exotischen Programmiersprachen mit wenig Trainingsmaterial im Internet sinkt die Erfolgsquote deutlich. KI-Tools sind weiterhin eine Hilfe, aber nicht im gleichen Ausmaß. Hinweise im Prompt auf zusätzliche Dokumentation, auf interne Projektabhängigkeiten oder sonstige Besonderheiten machen plötzlich einen riesigen Unterschied.

Wer kann die Tools bedienen?

Mit dieser Frage kommen wir zum Kern des Problems: Die Eingangszitate stammen von Personen, die entweder ein kommerzielles Interesse daran haben, dass Coding mit KI funktioniert, oder von IT-Profis, die ein riesiges IT-Grundwissen und eine Menge praktischer Erfahrung mit KI-Tools haben. Das sind genau die Leute, bei denen Coding mit KI tatsächlich richtig gut funktioniert. Die wissen, wie der Prompt richtig formuliert wird, erkennen offensichtlich fehlgeleitete Antworten und greifen korrigierend ein, bevor sich das KI-Tool in eine Sackgasse manövriert.

Wenn Sie regelmäßig den Blog von Simon Willison oder Texte von vergleichbaren Entwicklern lesen, also von Leuten, die täglich programmieren und ständig die neuesten KI-Tools ausprobieren, dann gewinnen Sie den Eindruck: Coding mit KI ist kinderleicht. Drei, vier längere Prompts, schon ist ein neues Feature fertig. Jeder moderne Software Developer arbeitet so.

Tatsächlich ist es aber gerade umgekehrt! Wenn ich in meinem privaten und beruflichen Umfeld über KI spreche, stoße ich auf viel Zurückhaltung. Jeder hat schon KI-Tools ausprobiert, allerdings hat auch jeder schon negative Erfahrungen gemacht. Nur wenige kennen die gerade aktuellen Tools oder Sprachmodelle. Nur wenigen ist klar, wie gut diese Tools mittlerweile sind. (Das ist verständlich: Professionelle Entwickler stehen unter Zeitdruck, sollen Features liefern, Bugs beheben, Sicherheitslücken stopfen. Da bleibt wenig Zeit, um ständig neue KI-Tools auszuprobieren.)

Was heißt programmieren?

Jeder kann programmieren! Vielleicht, aber welche Programme? Für ein kleines Tool oder Spiel, das nur lokal/privat genutzt werden soll, gelten ganz andere Regeln als für professionelle Software. Ja, Vibe Coding macht Spaß. Aber wollen Sie in einem Auto sitzen (oder diesem Auto begegnen), dessen Software so erstellt wurde?

Prompt: Entwickle die Steuerungs-Software für die Lenkung und Bremse eines Autos. Wenn das Lenkrad nach links bzw. rechts gedreht wird, ändere den Einstellwinkel der Räder entsprechend. Wenn das Bremspedal gedrückt wird, aktiviere die Bremsen der vier Räder. Je mehr das Pedal gedrückt wird, desto stärker soll das Auto abgebremst werden. Falls die Räder blockieren, während sich das Fahrzeug noch bewegt, aktiviere das Antiblockiersystem.

Was kann schon schief gehen?

Erfahrungen aus vier Jahren »Scripting«-Unterricht

Die vergangenen vier Jahre habe ich auf der FH JOANNEUM in Kapfenberg das Fach »Scripting« unterrichtet. Die StudentInnen mussten in Zweier- oder Dreiergruppen eine Projektarbeit durchführen. In allen vier Jahren durften sie dabei — ganz offiziell! — KI-Tools zu Hilfe nehmen.

Im Verlauf des ersten Durchlaufs im Wintersemester 2022/23 gab OpenAI die erste Version von ChatGPT frei. Alle waren beeindruckt (auch ich), dass reguläre Ausdrücke jetzt mit KI-Hilfe zusammengestellt werden konnten. Manchmal funktionierten sie sogar. KI-Tools waren bei der Projektarbeit eine gewisse Hilfe, aber keine große.

Bis zum vierten Durchlauf (WS 2025/26) machten KI-Tools gleich mehrere Quantensprünge. Agentic Coding wurde zur Selbstverständlichkeit, zumindest für einen Teil der Teilnehmer. Einige Teams lieferten großartige Projektarbeiten, die 2022/23 aufgrund des Zeitaufwands vollkommen undenkbar gewesen wären. Umgekehrt gilt: Den Code etlicher Arbeiten aus dem Jahr 2022/23 würden heutige KI-Tools mit zwei, drei Prompts direkt liefern. Fertig ist das Projekt! Der Quantensprung in der Qualität von KI-Tools führte also — nicht ganz überraschend — zu einem Quantensprung auch bei den Projektarbeiten. Jeder, jede kann jetzt Programmieren, oder?

Ich will hier aber auf einen anderen Punkt hinaus. Das Vorwissen meiner StudentInnen variiert stark. Manche programmieren seit Jahren, hatten bereits eine solide IT-Ausbildung. Andere sind praktisch neu in der IT. (Die Lehrveranstaltung findet im 3. Semester statt.)

Obwohl alle Teams KI-Tools verwenden dürfen, spiegelt sich das Vorwissen dramatisch in den Projektarbeiten wider. Auch wenn das Niveau der heurigen Projektarbeiten im Durchschnitt viel höher war als drei Jahre zuvor, blieb die Spannbreite unverändert, wurde womöglich noch größer. Teams mit viel IT-Vorwissen bedienten die KI-Tools intelligenter, zielgerichteter und lieferten viel bessere Ergebnisse. Teams, deren Teilnehmer weniger IT-Erfahrung hatten, halfen auch die KI-Tools nur in begrenztem Ausmaß. Obwohl die Ausgangslage für alle gleich war, bleibt es dabei: Besseres Vorwissen, bessere Ergebnisse. Die KI ändert daran nichts, verstärkt eher die Unterschiede.

Fazit

KI macht Software-Entwicklung schneller, effizienter und, wie ich finde, angenehmer. KI nimmt das lästige Formulieren von Schleifen, Methoden und Klassen ab. Es ist nicht mehr so wichtig, ob Sie alle Syntax-Details auswendig kennen — die KI kümmert sich schon darum.

Davon abgesehen ändert sich aber überraschend wenig: Die vernünftige Anwendung von KI-Tools setzt weiterhin ein großes IT-Wissen voraus. Wer mehr Erfahrung hat, mehr Grundlagen kennt, eine solide IT-Ausbildung hat, der/die wird bessere Ergebnisse erzielen, qualitativ guten, sicheren, wartbaren Code produzieren. Das gilt mit oder ohne KI-Tools. Aber mit KI sind Sie in den meisten Fällen schneller fertig.

KI-Tools ändern nichts daran, dass Sie intelligente Prompts formulieren und den resultierenden Code verstehen müssen. Auch in Zukunft müssen Sie im professionellen Segment die Verantwortung für Ihren Code übernehmen. Sie können sich nicht drauf ausreden, dass die KI eben einen Fehler gemacht hat. Es bleibt Ihr Fehler!

Kurz und gut: Professionelle Software-Entwicklung kann eben doch nicht jeder! Vibe Coding ist in diesem Segment nicht zielführend.

PS: Zuletzt die obligatorische Werbeeinschaltung (obwohl diese Website ja eigentlich werbefrei ist, auf jeden Fall frei von externer Werbung): Die vergangenen vier Monate haben Bernd Öggl, Sebastian Springer und ich unser Buch »Coding mit KI« komplett überarbeitet. In meiner fast 40-jährigen Autorenkarriere ist es noch nie vorgekommen, dass ich ein Buch nach nur 18 Monaten so umfassend ändern musste! Wenn Sie sich für KI-assistierte Software-Entwicklung interessieren, werfen Sie einen Blick in das Buch. Es erscheint Anfang Mai.

Buch-Cover »Coding mit KI«

Quellen/Links

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