Nerds gefährden die digitale Souveränität ihrer Familie
Dies ist der Begleit-Artikel zu meinem gleichnamigen Vortrag auf FrOSCon 2026 am Samstag um 11:15 Uhr in Raum HS 4. Ich möchte das Thema hier nochmals in Textform aufarbeiten und zur Diskussion stellen.
Worin besteht die Gefahr?
Für uns Nerds oder allgemein für technikaffine Personen ist der Umgang mit Technik interessant, spannend und häufig normal. Nicht selten betreiben wir in unserem Haus oder Wohnung eine komplexe Heimnetz-Infrastruktur. Viele von uns blicken gerne hinter die Technik und wollen sie verstehen. Diese Faszination teilen leider die meisten Menschen nicht.
Außerhalb unserer kleinen Nerd-Blase gibt es eine sehr große Gruppe von Menschen, die Technik benutzen, weil sie müssen oder die Nutzung digitaler Dienste Komfort verspricht und ihnen nützlich ist. Dass all dieser Kram funktioniert, wird häufig als selbstverständlich hingenommen und nicht selten mit schwarzer Magie in Zusammenhang gebracht. Und es mag einige unter uns überraschen, doch nicht alle Menschen finden Technik interessant und wollen diese verstehen. Die meisten Menschen wollen tatsächlich einfach nur keine Probleme damit haben.
Ein ganz normales Heimnetzwerk (ohne Nerd)
Abbildung 1 zeigt ein Bild von einem Heimnetzwerk, so wie es sich die meisten Internetdiensteanbieter und normale Menschen vorstellen.

Wer einen Internetanschluss bucht, erhält vom Anbieter meist eine Box und einen Brief mit Zugangsdaten. Letzterer ist optional und kann entfallen, wenn die Box schon komplett vorkonfiguriert ist. Während Kundige hierin einen WLAN-Router mit integriertem Kabel- oder DSL-Modem erkennen, beizeichnen andere Menschen diese Box schlicht als Das Internet. Das ist aus ihrer Perspektive nachvollziebar, denn funktioniert der Kasten nicht richtig, geht meist der Internetzugriff verloren. Dennoch ist diese Bezeichnung natürlich fachlich falsch. Doch was kümmert das den Menschen?
Alle netzwerkfähigen Geräte befinden sich in Abb. 1 in einem Netzwerk. Die Kaffeevollautomaten, Kühlschränke, Waschmaschinen und Wäschetrockner, Heizung, PV-Anlage, etc. habe ich rein aus Platzgründen weggelassen.
Während dieses einfache Setup viele Nachteile mit sich bringt, besitzt es allerdings auch einige Vorteile. Fast alle Internetdiensteanbieter, Elektronik-Fachmärkte und PC-Einzelhändler sind mit diesem Setup vertraut und nehmen an, dass es bei uns so aussieht. Die üblichen Boxen sind meist bekannt und können entsprechend konfiguriert oder im Fehlerfall ersetzt werden. Hierzu sind weder ein Informatikstudium noch 20 Jahre Berufserfahrung notwendig. Kurz gesagt, man findet leicht relativ günstige Hilfe, wenn es mal klemmt.
Ein (stark vereinfachtes) Nerd-Netzwerk
Ich verdiene mein Geld seit über 20 Jahren mit EDV/IT. Ich kenne sehr viele Menschen, die eine ähnliche Einstellung zu Technik haben, wie ich selbst. Glaubt mir bitte, wenn ich hier schreibe, dass das Netzwerk aus Abbilung 2 noch relativ einfach für Menschen unserer Profession ist.

Das geschulte Auge erkennt, dass es hier nichts besonderes zu sehen gibt. Eine Firewall mit Dual-WAN-Konfiguration über zwei separate Internetdiensteanbieter (kanten- und knotendisjunkt) mit unterschiedlicher Technik, Mesh-WLAN, NAS, Linux-Hypervisor und eine Menge an Netzwerkgeräten.
Was in Abb. 2 nicht dargestellt ist, jedoch häufig ebenfalls vorzufinden ist, sind zentral verwaltete Switches mit Spanning-Tree-Protokoll, VLAN-Segmentierung für unterschiedliche Geräteklassen, diverse Netzwerkzonen und unterschiedliche WLAN-Netze für Bewohner, Besucher und Geräte aus Küche und Keller.
Nun stellen wir uns alle kurz vor, was es für unsere Familie bedeutet, wenn ein Dienst bzw. eine App auf dem Smartphone oder Tablet nicht mehr wie gewohnt funktionieren, wir nicht verfügbar sind und sie sich mit einer solchen Infrastruktur konfrontiert sehen. Tipp: Fragt eure Familie, wie sie im Fall einer IT-Störung ohne euch vorgehen würde und wie sicher sie wäre, diese Situation zu bewältigen, ohne ein tiefes Tal der Tränen durchschreiten zu müssen.
Um es einmal deutlich zu machen, mit unserer Nichtverfügbarkeit meine ich unsere Abwesenheit durch Scheidung, Krankheit, Knast oder Tod. Auf uns zu warten ist keine Option.
Vereinfacht dargestellt, sieht sich unsere Familie nun mit folgenden Herausforderungen konfrontiert:
- Wie finde ich heraus, wo der Fehler liegt bzw. was nicht mehr funktioniert?
- Wie greife ich auf diese vielen unterschiedlichen Geräte zu und wo finde ich die Zugangsdaten?
Exkurs: Ich erzähle immer gerne die Anekdote, dass ich in meiner Ausbildung zum Fachinformatiker FR. Systemintegration in Privathaushalten die DSL-Internetzugänge eingerichtet habe. Wenn ich an der entscheidenen Stelle um die Internetzugangsdaten bat, wurde mir häufig der Ordner mit den Telefonrechnungen gegeben. Es bedurfte dann weiterer Erklärung, was ich brauche und wie dies aussieht. Manchmal stellte sich dann heraus, dass der entsprechende Brief als unwichtig erachtet und bereits entsorgt wurde.
Der kleine Exkurs macht deutlich, dass es für „normale Menschen“ schon bei einer einfachen Umgebung die Chance zum Scheitern gab und gibt. Viel Spaß mit der Spielwiese eures Nerds. Vielleicht nutzt eure Familie eure selbstgehosteten Dienste wie z.B. Paperless-NGX und sind sogar darauf angewiesen. Doch weiß sie, dass dieser Anwendung durch mehrere rootless Podman-Container bereitgestellt wird, die in einer virtuellen Maschine auf eurem Linux-Server laufen?
Dabei muss sich eure Familie für ihre Unkenntnis nicht schämen. Denn bei OPNsense, Linux-Hypervisor mit virtuellen Maschinen und Containern und einer nicht ganz so weit verbreiteten WLAN-Mesh-Lösung sind auch die meisten Support-Abteilungen der Internetdiensteanbieter, PC-Einzelhändler und Elektronikmärkte überfordert. Zwar können hier häufig professionelle Systemhäuser weiterhelfen, doch dann wird es schnell sehr teuer (bei Tagessätzen zwischen 800-1400 Euro).
Hypothese: Wir basteln gern und probieren gerne Dinge aus. Die wenigsten von uns pflegen einen Servicekatalog für die Dienste im Heimnetzwerk.
Das Risiko ist groß, dass eure Familie den Zugriff auf Dokumente, Familienfotos und die Haussteuerung verliert, wenn ihr nicht mehr verfügbar seid und ein Fehler auftritt.
Lösungsansätze
Doch wie bereiten wir unsere Familie nun auf unsere Nichtverfügbarkeit vor?
In meinen Augen gibt es nicht die eine Lösung, die überall funktioniert. Ich stelle euch im Folgenden meine Lösungsansätze vor. Falls ihr denkt, dass diese auch für euch funktionieren, dürft ihr sie selbstverständlich gerne übernehmen. Versteht sie als Anregung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Fehlerfreiheit.
Zugangsdaten
Ich verwalte meine Zugangsdaten in KeePassXC. Meine Familie hat weder auf die Geräte Zugriff, wo die KeePassXC-Datenbank liegt, noch auf die Datenbank selbst.
Einen gemeinsamen Passwort-Manager zu verwenden, wo wir den Zugriff auf bestimmte Zugangsdaten teilen können, funktioniert für uns nicht. Unsere Nutzungsgewohnheiten sind dafür aktuell einfach zu unterschiedlich.
Daher drucke ich alle wichtigen Zugangsdaten aus und stecke sie in einen Umschlag. Zu den Zugangsdaten gehören auch die Backup-Codes für Konten mit Multi-Faktor-Authentifizierung. Der Umschlag wird verschlossen, über der Verschlusslasche wird das Datum notiert und es kommt noch ein transparenter Klebestreifen darüber. Das ist eine einfache Sicherung, um zu erkennen, ob der Umschlag geöffnet wurde. Aus meiner Erfahrung ist es nicht möglich, den Klebestreifen zu entfernen und den Umschlag zu öffnen, ohne dass die Beschriftung erheblichen Schaden nimmt. Der Umschlag selbst wird an einem uns wohlbekannten Ort hinterlegt.
Falls der Umschlag mal geöffnet wurde und es niemand gewesen sein will, oder er gar weg ist, bedeutet das für mich einen Einmalaufwand zur Zugangsänderung. Das nehme ich in Kauf.
Meine Familie kann so im Notfall an die wichtigsten Zugangsdaten gelangen und sich Zugriff verschaffen.
Ein Risiko ist damit nicht abgesichert, nämlich dass der Umschlag und ich beide nicht verfügbar sind. Dieses Risiko akzeptieren wir.
Der Inhalt des Umschlags wird immer dann aktualisiert, wenn sich wichtige Zugangsdaten geändert haben. Glücklicherweise passiert dies nur ca. 1-2 Mal im Jahr.
Die Dokumentation für den Notfall
Jeder Systemadministrator schätzt eine gute Dokumentation.
Meine Meinung
Kein Systemadministrator schreibt gerne Dokumentation.
Es hilft aber alles nichts. Ich habe zu diesem Thema bereits die Artikel Dokumentation für den Notfall bzw. das digitale Erbe und das Update dazu geschrieben. Für den Vortrag habe ich eine Version erstellt, in der ich unsere echten Daten durch Platzhalter und Beispiele ersetzt habe. Diese habe ich als Datei in diesen Artikel eingefügt.
Ich hoffe, in dieser Dokumentation den richtigen Ton getroffen zu haben, so dass diese sowohl meiner Familie, als auch einer hinzugerufenen Fachkraft hilft.
Den Schreibtischtest hat diese Dokumentation bestanden. Meine Frau hat diese Dokumentation gelesen und sie für hilfreich befunden. Eine Notfall-Übung steht jedoch noch aus.
Fazit
Wir Nerds denken und funktionieren zum Teil anders als unsere Familienangehörigen. Es ist sinnvoll, mit diesen über das Theme der eigenen Nichtverfügbarkeit zu sprechen und zu erörtern, welche Informationen diese im Notfall benötigen.
Einigt euch bei der Dokumentation und Hinterlegung von Informationen auf Formate und Orte, die für alle Beteiligten funktionieren. Unsere Angewohnheiten unterscheiden sich teils deutlich.
Haltet die Notfall-Dokumentation aktuell, sonst nützt sie nichts. Dies ist vermutlich der schwierigste Punkt.
Führt Übungen durch. Sonst ist es ein Schrödingers-Notfall-Konzept.










